Warnemünder Woche: 04. - 06. Juli 2015

Ergebnisliste

Baden statt Bouldern

Mittwochabend, das Thermometer meldet knapp unter 40° Celsius. Heißt für die Atmosphäre in der Boulderhalle: gefühlte 50 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit wie im tropischen Regenwald. Außerdem habe ich mir gestern bereits ordnungsgemäß die Finger lang gezogen. Also kein Grund, sich das heute schon wieder anzutun. Außer aber … die Bouldergesellin lässt sich rasch überzeugen, den Treffpunkt von der Boulderhalle in den DUYC zu verlagern. Es folgt: ein lauer Sommerabend mit erfrischendem Bad im Masurensee und kitschig buntem Sonnenuntergang. Baden statt Bouldern - alles richtig gemacht!

Mit einem kleinen Schönheitsfehler, wie sich am nächsten Tag herausstellt, als meine Füße so langsam Formen annehmen, die jedem Elefanten Ehre machten: die garstigen Grasmilben hatten zugeschlagen. Oder vielmehr: gestochen. Also ab auf´s Sofa, Füße hoch, kühlen und das Beste hoffen.

Freitag: Die Abfahrt nach Warnemünde verschiebt sich ein bisschen nach hinten, weil angesichts des Abendprogramms vom Vortag weder die Einkäufe erledigt noch die Klamotten gepackt noch „der Audo“ beladen sind. Und noch ein bisschen, weil das mit zwei schmerzenden Klumpfüßen auch weniger rasch von der Hand oder vielmehr vom Fuß geht als gewohnt. Die Autofahrt unter den gegebenen Umständen – Hitze, Füße, Stau –: kein Spaß. Und dann fällt dem „Audo“ kurz hinter Lübeck auch noch ein, dass er doch eigentlich gerne neue Bremsbeläge hätte und ich doch bitte mein Fahrverhalten entsprechend anpassen soll. Auf dem Hinweg, wohlgemerkt. Prima, ungefähr so hatte ich mir den Start in meinen Sommer-Kurzurlaub vorgestellt.

Aber immerhin: Der Campingplatz und die Mitsegler/innen waren in Warnemünde schnell gefunden, das Zelt auf einem brauchbaren Plätzchen und vor allem im Schatten einer großen Halle rasch aufgebaut. Über den Zustand der Füße wollte ich zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr nachdenken. Frank und Yasmine spendieren ihre Spülschüssel zum Kühlen, aber die Versöhnungsbereitschaft dieser roten, heißen, unglaublich geschwollenen Dinger am unteren Ende meiner Beine war zu diesem Zeitpunkt, nun ja, eher eingeschränkt. Die taten unterdessen einfach nur weh. Und wie das am nächsten Tag mit dem Segeln gehen sollte…

Weitere Stimmungsfaktoren: ein erzwungener Zeltumbau, verstopfte Klos (alle!) und sich mehrende Gerüchte, dass die schattenspendende Halle an den folgenden Abenden den Veranstaltungsort für wilde Partys darstellen solle – direkt neben meinem Kopfkissen. Danke, ich bin bedient und gehe jetzt ins Bett. Mit einem halben Ohr registriere ich noch, das mein Steuermann unterdessen ebenfalls angekommen ist.

Samstag. An Segeln ist nicht zu denken, ich kann kaum laufen. Thorsten trägt´s mit Fassung, und wir machen uns auf die Suche nach einem Ersatzvorschoter, zumindest für die Wettfahrten am Samstag. Kein Problem bei einer Großveranstaltung wie der Warnemünder Woche, sollte man meinen, aber weit gefehlt, alle greifbaren Segler und -innen sind bereits verplant. Wir begleiten die Anderen zur Hohen Düne, melden uns im Regattabüro, bauen das Boot auf, schicken den Rest der Truppe auf´s Wasser und sind dankbar, dass die Windverhältnisse nicht danach aussehen, als ob alle Läufe wie geplant stattfinden werden. Für den Rest des Tages ziehe ich mich mit Buch, Wasserflasche, Spülschüssel bewaffnet in den Liegesessel unter die Markise von Frank und Yasmines Wohnmobil zurück und mache – nichts. Am frühen Abend kehren so langsam die Anderen zurück, gut durchgegart und mir einhellig versichernd, dass ich nichts, aber auch gar nichts verpasst hätte. Während ich mich zum Nachmittag hin darüber gefreut habe, dass ich mit angemessener Vorbereitung wieder ohne Tränen in den Augen aufstehen kann, hat es für die Segelnden am langen Ende in den vielen Stunden auf dem Wasser für einen einzigen vollendeten Lauf gereicht. Den Tagessieg haben sich Gregor und Sabrina (GER 261) noch nachträglich zur Hochzeit geschenkt, gefolgt von den beiden „ausländischen“ Teams: Bart und Jori (NED 1419) auf Platz zwei, Frank und Yasmine (LUX 1) auf drei.

So, und jetzt fangen „meine Geschichte“ der Warnemünder Woche und die der anderen FJ-Seglerinnen und -Segler so langsam an, sich wieder einander anzunähern, trafen sich doch im Laufe des weiteren Abends die Allermeisten von uns inkl. mir bei der Pizzeria am gegenüberliegenden Ufer des Alten Stroms mitten in Warnemünde City: Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein Riesenschritt für meine Elefantenfüße und mich – yippiyayeah!

Der Sonntag überzeugte einmal mehr mit viel Sonne und wenig Wind. Startbereitschaft an Land. Der bis auf weiteres beliebteste Platz bei den Seglern war der direkt vor dem Toilettencontainer – dort war Schatten. Irgendwann hieß es dann doch: Leinen los und ab auf´s Wasser. Meine Neoschuhe sind reichlich eng, aber immerhin wassergekühlt. Und im  Vergleich zu anderen Steuerleuten war Thorsten klar im Vorteil: Ich war zwar nur bedingt einsatzfähig, aber immerhin da. Man hörte auch von am Strand (dem am anderen Ende von Warnemünde) verschollenen Vorschotern ohne Handy, die nicht rechtzeitig zum Segeln am Boot waren. Da gab es dann (zu Recht) viel Enttäuschung und deutliche Worte. Das Geschehen auf dem Wasser: ein Lauf bei wenig bis ganz wenig Wind, zwischenzeitliches Rätselraten (zumindest bei uns an Bord) über die Signalgebung vom Startschiff und deren Kommentierung durch das Race Commmittee-Boot in unserer Nachbarschaft, und eine überraschend zügige Vertagung des weiteren Geschehens auf den Folgetag. Gewonnen haben Bart und Jori vor Frank und Yasmine sowie Moritz und Robin (GER 361). Thorsten und ich meldeten uns mit Platz vier zurück im Geschehen.    

Für den Abend hatten Michael und Matthias reichlich Platz in Wenzels Prager Bierstube für uns reserviert. Angesichts der weiterhin hochsommerlichen Wetterlage wäre die eher deftige, mit Knödeln und Braten gespickte Speisekarte für die Allermeisten vermutlich nicht die erste Wahl gewesen, aber nach den ersten Bissen entspannten sich die meisten Mienen deutlich – lecker war es doch, und das Bier schmeckte auch. Und das Eis (vereinzelt auf dem Hemd, in den meisten Fällen im Mund) im Anschluss passte dann auch wieder zu den Temperaturen. Für Aufregung sorgte dann noch das dicke Gewitter (die vorhergehende Unwetterwarnung war mit ein Grund für das rasche Ende des Segeltages), das mit viel Gerumpel und Getöse, kräftigen Böen und reichlich Regen gefühlt genau über unseren Zelten für Abkühlung sorgte und uns alle beizeiten ins Bett schickte.

Montag. Gar nicht dumm, das mit der frühen Bettruhe... Was in den Tagen zuvor an Wind zu wenig war, gab es heute reichlich. In Böen bis zu sieben Beaufort sorgten für angespannte Gesichter und einmal mehr für Startverschiebung an Land. Die oberste  Wettfahrtleitung hatte ein  Machtwort gesprochen; ausgenommen waren nur die Wettfahrten der zweiten Bundesliga, die direkt vor der Mittelmole stattfanden. Selbst von „unserer“ Seite der Hafeneinfahrt  beeindruckende Bilder!

Was unsere eigene Regatta angeht: Die allgemeine Startverschiebung war unterdessen Vergangenheit, und unser Startschiff samt Regattaleiter machte sich mithilfe eines Bundeswehrschlauchboots mit gefühlten 1.000 PS und eines weiteren  Schlepp-Bootes auf den Weg zum Regattafeld. Die Startverschiebungsflagge hatten sie mitgenommen, aber der impliziten Aufforderung kamen von unserer Seite nur Moritz und Robin nach, begleitet von vier oder fünf ebenso unverdrossenen Piraten. Für die ebenfalls mit uns auf der Bahn startenden Yxilons war offiziell bereits am Vortag Schluss; alle anderen Teams der verbliebenen Bootsklassen übten sich angesichts der immer noch beeindruckenden Wind- und Wellenverhältnisse in Zurückhaltung und blieben an Land. Den dritten Lauf gewannen Moritz und Robin somit ungefährdet, alle anderen FJs gaben sich in trauter Einigkeit mit 23 Punkten für ein DNC und Platz zwei zufrieden.   

Allerdings hatte der  Wind unterdessen dann doch ein erkennbares Bisschen nachgelassen, was dazu führte, dass vereinzelt auch andere Teams sich auf ihre Starkwindfähigkeiten besannen. Und eigentlich macht es ja auch Spaß… Und wenn man einmal aus dem Hafen raus und auf dem offenen Wasser ist… Kurz und gut und wie das mit der Gruppendynamik so ist: Schnell eine SMS an den Regattaleiter geschrieben und mit fünf weiteren Booten (NED 1419 mit Bart und Jori, GER 362 mit Heiko und Matthias, GER 380 mit Michael und Katharina, GER 388 mit Daniel und Meike sowie GER 407 mit Thorsten und mir) auf den Weg gen Regattafeld gemacht. Mein großer Dank gilt all denjenigen, die beim Ein- und Ausslippen der Boote tatkräftig mit angepackt und das ganze damit schaden- und stressfrei gestaltet haben – danke! Dass Thorsten und ich uns wegen einer zum Zwecke des Schwimmweste-Schließens beklemmten Schot im Hafenbecken fast in den Teich gelegt haben, verschweigen wir an dieser Stelle mal gnädig :)

Was die Sache mit der Segelei anging: Der Wind hatte tatsächlich ein bisschen nachgelassen, aber nicht zu sehr und auch eher vorübergehend. Und in Kombination mit der für uns eher ungewohnten Welle waren das durchaus sportliche Verhältnisse. Aber wenn man einmal aus dem Hafen raus und auf dem freien Wasser war ging´s tatsächlich. Zwei Runden Top Down waren angesagt, und die wenigen Boote waren doch immer wieder bemerkenswert dicht, manchmal auch in Verkennung der Situation: deutlich zu dicht, beisammen. Ein in gewohnten Verhältnissen völlig ausreichender Sicherheitsabstand schrumpft mithilfe einer ordentlichen Welle verdammt schnell, wie Heiko / Matthias und Thorsten / ich vor der ersten Luvtonne erkennen mussten. Falls wir vor dieser Begegnung noch nicht wach waren: danach waren wir´s. Und Adrenalin ist eine echt gute körpereigene Droge! Von einem erfrischenden Bad meinerseits und einer überfahrenen Spischot abgesehen ist aber nichts passiert – Glück gehabt, die naheliegende Alternative wäre reichlich Kleinholz gewesen.

Top Down heißt neben einfacher Orientierung und langer Kreuz auch: langer Vorwindkurs. Bis zum  Erreichen der Leetonnen erforderte das mindestens einen Fahrtrichtungswechsel…  „Nur die Harten kommen in den Garten“, hörte ich es plötzlich von irgendwo hinter mir murmeln. Bevor ich darüber nachdenken konnte, ob ich da überhaupt hin will, war die erste Halse entspannt geschafft. Läuft! Im Ziel: Bart und Jori knapp vor uns auf Platz eins, Daniel und Meike auf drei, die Korsmeiers auf vier und Heiko und Matthias dank ordnungsgemäß gefahrener 720° inklusive Vollbad (wenn ich das richtig gesehen habe) auf Rang fünf. Moritz und Robin hatten sich bereits vor diesem Lauf wieder auf den Weg nach Hause gemacht.

Den dritten und letzten Lauf des Tages bestritten wir dann nur noch mit drei Teams, noch einmal zwei Runden Top Down und auf den Vorwindkursen zumindest partiell mit Spinnacker. Waren Thorsten und ich uns im ersten Lauf noch sicher, dass uns die nach dem Drüberfahren abgeknotete Spischot an diesem Tag egal ist, haben wir uns jetzt geärgert. Bart und Jori einmal mehr auf eins, wir Zweite, Heiko und Matthias auf drei.

Der Ausklang: Von Frank, Yasmine und mir abgesehen haben sich alle bereits am Montag auf den Heimweg gemacht, entsprechend spärlich war die Bereitschaft gesät, noch bis zur Siegerehrung zu bleiben, die sich dann auch noch aus organisatorischen Gründen verzögerte. In Abstimmung mit der Regattaleitung haben wir dann auf eine offizielle Siegerehrung verzichtet, natürlich nicht, ohne vorher noch die letzten Startgruppen der Regatta „Rund Bornholm“ in der Hafeneinfahrt zu beobachten und uns ordnungsgemäß zu verabschieden. Absolut souveräne Gesamtsieger mit drei ersten und einem zweiten Lauf (macht summa summarum fünf (!) Punkte) in der Wertung waren Bart und Jori, „dicht“ gefolgt von Heiko mit Claudia bzw. Matthias und 24 (!) Punkten auf Rang zwei. Moritz und Robin wurden Gesamt-Dritte, Thorsten und ich landeten punktgleich mit den Beiden auf Platz vier.

Frank, Yasmine und ich hatten dann noch einen sehr schönen Abend in Warnemünde, mit inklusive Fisch essen am Alten Strom und Cocktail trinken am Strand. Und abgesehen davon, dass „der Audo“ mich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf seinen Wunsch nach neuen Bremsbelägen aufmerksam gemacht hat, war auch die Rückfahrt mit Stippvisite in Wismar sehr entspannt.

Mein persönliches Fazit: Die Warnemünder Woche ist sicherlich in mehr als einer Hinsicht etwas anderes als unsere gewohnten Regatten in kleinem Kreis auf den bekannten Revieren. Aber sowohl seglerisch als auch vom Ambiente her habe ich diese Veranstaltung als echte Bereicherung empfunden! Nur schade, dass wir die Ostsee nicht ein bisschen dichter an NRW dranbauen können… Und über die Sache mit den zu nachtschlafender Zeit tutenden Kreuzfahrtschiffen müssen wir reden!

Stephanie (GER 407)

PS: „Der Audo“ ist und bleibt ein Kerl: Der penetrante Hinweis auf die Sache mit den Bremsbelägen war nichts als Aufmerksamkeitshascherei – da hatte sich bloß der zuständige Sensor „verschluckt“…

PPS: Vor der nächsten Warnemünder Woche selbstverständlich Bouldern statt Baden!

Alle Fotos: Pepe Hartmann

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